Kritik am BGM-Konzept zur Marheinekehalle 19. August 2006
Der Mieterrat Chamissoplatz e.V. wurde per BVV-Beschluss mit der Durchführung der Bürgerbeteiligung in Sachen Marheineke-Markthalle betraut. Im Rahmen unserer Arbeit zur Bürgerinformation und Bürgerbeteiligung informieren wir Sie zum derzeitigen Stand der Dinge:
I.)
Die Berliner Großmarkt GmbH (BGM) hat im Rahmen des im Rathaus Kreuzberg stattfindenden „Rundes Tisches” ihre Planungen zum Umbau der Marheinekehalle konkretisiert. Siehe dazu die Skizzierung des BGM-Konzeptes.
II.)
Es gibt inzwischen ein „Alternativkonzept zur Marheineke-Markthalle”. Dieses hat der Architekt A. Heukamp in Zusammenarbeit mit den Architekten Bauman/ Nuttelmann und in Kooperation mit dem Mieterrat Chamissoplatz e.V. entwickelt. – Das Alternativkonzept nimmt wesentliche Punkte der vom Mieterrat durchgeführten Kundenbefragung zur Zukunft der Marheinekehalle auf. Bei einer Vorstellung des Heukamp-Konzeptes im Rathaus Kreuzberg in Anwesenheit des Stadtrates für Wirtschaft, wirtschaftspolitischer Sprecher der Parteien, weiterer Parteienvertreter und der Händlervertreter wurde das Alternativkonzept mehrheitlich als „überzeugender” bewertet.
Das Alternativkonzept sowie ein die wesentlichen Punkte des Heukamp-Konzeptes in Differenz zum BGM-Konzept skizzierendes Papier finden Sie am Infostand.
Wir bitten um Ihre Kommentare, Anregungen und kritische Anmerkungen hierzu.
Zu I.) Das BGM-Vorhaben
Die BGM hat inzwischen einen von ihr als „Machbarkeitsstudie” bezeichneten Reader zu den von ihr geplanten Sanierungs- und umfassenden Modernisierungsmaßnahmen in Sachen Marheineke-Markthalle vorgelegt. Die Ausführungen in diesem Konzeptreader lassen wesentlich deutlicher als die von der BGM im Seitenteil des Infostandes ausgehängten Demotafeln und das darunter ausgelegte Blatt „Bürgerinformation” erkennen, welche weitgehenden Veränderungen der Marheineke-Markthalle die BGM anstrebt.
Damit sich die Bürgerinnen und Bürger über die von der BGM geplanten weitgehenden Veränderungen der Markthalle informieren und Stellung dazu beziehen können, legen wir eine Fotokopie des BGM-Konzeptes am Infostand aus.
Viele Bürgerinnen und Bürger haben möglicherweise nicht die Zeit, das gesamte BGM-Konzept durchzuarbeiten. Der Mieterrat Chamissoplatz e.V. hat deshalb im Rahmen seiner Arbeit zur Bürgerbeteiligung die Kernpunkte des BGM-Konzeptes aufgelistet:
Das BGM-Konzept will eine neue Nutzungs- und eine neue Nutzerstruktur für die Halle:
• die durchmischte Marktstruktur soll verschwinden
• die Halle soll in drei Zonen (eine Gastronomie-Zone, eine Nahrungsmittel-Zone und eine Zone für Kiezversorgung/Dienstleistung/Handwerk) unterteilt werden
• das Segment „Kiezversorgung” soll im hintersten Hallenbereich angesiedelt werden
• war die Markthalle bisher schwerpunktmäßig ein Nahversorgungszentrum, so marginalisiert die neue Nutzungsstruktur die „Kiezversorgung”
• „Erlebniskauf” in einer „modernen Erlebniswelt” soll künftig das Kaufverhalten der Kunden prägen
Das BGM-Konzept nimmt der Halle die klassische Markthallen-Struktur und damit die von vielen Menschen geschätzte Besonderheit der Marheineke-Markthalle. Das BGM-Konzept stellt die „Kiezversorgung” ins Abseits, um im Mittelbereich der Halle Raum für ein hochpreisiges Warenangebot, Kaufanimation und „Erlebniskauf” zu schaffen.
Das geplante „Modell Linse” beinhaltet gravierende Veränderungen der Halle:
• Totalentkernung der Halle zwecks Umbau zur „modernen Erlebniswelt”
• Segmentierung der Halle in bestimmte Zonen (siehe oben)
• zur Bergmannstraße hin geballte Gastronomie
• im Mittelbereich hochpreisige Angebote (Biomarkt und Spezialitätenmarkt)
• die Kiezversorgung/Handwerk wird im hintersten Hallenbereich ins Abseits gestellt
• Das Modell „Linse” sieht eine „zentrale Durchwegung von der Zossener Straße auf den Marheinekeplatz” mitten durch die Halle hindurch vor. Wenn ein zentraler Trampelpfad mitten auf den Marheinekeplatz mündet, verliert der Platz seine Aufenthaltsqualität als ruhender Pol für ‚kleine Fluchten’ jenseits der Bergmannstraße.
• Die linsenförmige Verbreiterung des Mittelganges zieht eine Verringerung anderer Gangbreiten nach sich; z.B. verliert der Zone „Kiezversorgung” an Gangbreite.
• Die Wegeführung zum Segment „Kiezversorgung” wird zudem erheblich reduziert, da seitwärts äußerst schmale Wege in den Bereich der „Kiezversorgung” führen.
• Das „Modell Linse” drängt die „Kiezversorgung” in den hintersten Hallenbereich; die „Kiezversorgung” bzw. die Kiezbewohner werden damit ins Abseits der neuen Halle abgedrängt.
• Die linsenförmige Verbreiterung des Mittelganges wird von der BGM als „Marktplatz” definiert. – Das neue BGM-Konzept reduziert den Marktbegriff auf den linsenförmigen (auch als „Eventfläche” bezeichneten) Mittelteil mit aktionsgeprägtem „Erlebniskauf”, während nach dem alten Markthallen-Konzept die gesamte Standfläche als „Marktplatz” mit durchmischter Marktstruktur definiert war.
• Im Mittelbereich der „Linse” sollen nach Auskunft der BGM Aktionen wie „Erdbeer- und Spargeltage” sowie auch Lesungen stattfinden. – Kulturprojekte werden in diesem Konzept in den Rahmen zum Kauf animierender Aktionen gestellt.
• Wird die von der BGM geplante Tiefgarage realisiert, wird die „Kiezversorgung” zudem ganz aus dem unteren Hallenbereich auf eine als „Galerie” bezeichnete Ersatzfläche verdrängt.
Durchgängige Fensterfront zwecks geballter Gastronomie
Durch eine großflächige, durchgängige Fensterfront mit fünf Eingängen soll lt. BGM „die Halle zur Bergmannstraße weit geöffnet werden”. Durch die großflächige Öffnung und eine geballte Ansiedelung von Gastronomie mit „Multikulti-Spezialitäten” will die BGM „die Halle fest an die bereits vorhandene Restaurantmeile der Bergmannstraße andocken.”
Die gesamte Südseite der Markthalle soll nach dem BGM-Konzept mit Gastronomie belegt werden. Dadurch verschwinden 25 % der Verkaufsfläche für gemischte Händlerstände.
Die BGM will eine Tiefgarage unter der Halle
Die Halle soll für 650.000 Euro Baukosten eine Tiefgarage mit 42 Stellplätzen erhalten.
• Da der Einfahrt- und Ausfahrtbereich der Tiefgarage einen Teil des hinteren Hallenbereichs (ca. 10% der Verkaufsfläche) beansprucht, muss nach dem BGM-Konzept die „Kiezversorgung” aus der unteren Hallenebene weichen.
• Die Schaffung von Ersatzraum für die aus dem unteren Hallenbereich durch die Tiefgarage verdrängte „Kiezversorgung” kostet zusätzlich 310.000 Euro.
• Mithin verschlingt der Bau einer Tiefgarage plus zu schaffende Ersatzfläche durch Bau einer „Galerie” nahezu 1.000.000 Euro.
• Durch die Tiefgarage entfällt der überwiegende Teil der Lagerflächen im Keller.
• Für die Ein- und Ausfahrten entfallen im öffentlichen Straßenbereich 6-8 Parkplätze.
• Die Kosten der Tiefgarage ohne Galerie und laufende Betriebskosten betragen lt. BGM 650.000 Euro und damit je Stellplatz rund 15.500 Euro. Bei einer üblichen Verzinsung von 6% zzgl. Abschreibung, Instandhaltung, Verwaltung etc. (mithin 8%) entsteht eine jährliche Belastung in Höhe von 52.000 Euro oder 1.238,00 Euro je Stellplatz. Lediglich 6,6% der befragten Kunden würden evtl. einen Tiefgaragenplatz nutzen. Damit stehen den Ausgaben etwa 11.000 Euro Einnahmen im Jahr gegenüber.
• Die geplante Tiefgarage verursacht den Planungen der BGM zufolge 500 zusätzliche An- und Abfahrten über die kleine beruhigte Straße Marheinekeplatz in Richtung Zossener Straße bzw. Mittenwalder Straße.
Die für den Bau der Tiefgarage verursachten immensen Kosten von ca. 1.000.000 Euro werden letztendlich zu einer Erhöhung der Standpreise und des Warenangebotes in der Halle führen. – Die Kundenbefragung hat ergeben, dass 91,5% der Hallenkunden keine Tiefgarage wünschen. Die BGM beharrt dennoch auf einer Tiefgarage.
Die BGM will eine 10-monatige Totalschließung der Halle!
Die mindestens 10 Monate andauernde Totalschließung der Markthalle soll nach den Vorstellungen der BGM im Januar 2007 beginnen.
Die Händler sollen ab Januar 2007 für (mindestens) 10 Monate in ein sog. „Containerdorf” am Marheinekeplatz umziehen. Dies bedeutet, dass die Kunden bei hohen Minustemperaturen im Winter am Container einkaufen sollen; für die Händler ist ungewiss, ob die Kunden ihre Einkäufe an Containern tätigen werden. Etliche Händler haben inzwischen gekündigt, da für sie eine Fortführung ihres Standes in einem Container nicht in Frage kommt (extrem erschwerte Bedingungen für Händler und Kunden, warenspezifische Gründe, Einbruchsgefährdung, versicherungsrechtliche Gründe etc.).
D.h. durch die von der BGM geplante 10-monatige Totalschließung der Marheinekehalle verlieren zahlreiche Händler/-innen und angestellte Arbeitskräfte ihre Existenz. Für die Kundinnen und Kunden der Marheinekehalle bedeutet eine 10-monatige Totalschließung der Halle eine extreme Schrumpfung ihrer Nahversorgungsmöglichkeiten.
Da der BVV-Beschluss DS/2066/II eine „Sanierung der Halle bei laufendem Betrieb” fordert sowie das „Alternativkonzept zur Marheineke-Markthalle” aufzeigt, dass durch Maßnahmen abgestimmter Teilsanierung mit entsprechender Abgrenzung des jeweiligen Baubereichs eine kostengünstige Sanierung bei laufendem Marktbetrieb machbar ist, erweist sich die Lösung „Sanierung der Halle bei laufendem Betrieb” aus vielerlei Gründen als überzeugender. – 89% der Kunden fordern keine Totalschließung während der Bauzeit.
Doch die BGM verharrt – damit den BVV-Beschluss nachhaltig ignorierend – weiterhin unverändert auf einer (mindestens) 10-monatigen Totalschließung der Markheineke-Markthalle!
Am Infostand stellen immer mehr das BGM-Modell hinterfragende Kunden die Frage: Ist die von der BGM geplante „Container”-Lösung letztlich nichts anderes als eine Maßnahme, die Totalentkernung der Halle durchzusetzen, die gemischte Marktstruktur der Halle zu zerschlagen, so Raum für hochpreisige Segmente zu schaffen und einen weitgehenden Austausch der Händler/-innen zu vollziehen?
Zu II) Das Alternativ-Konzept
Im Unterschied zu dem BGM-Konzept sieht das von dem Architekt A. Heukamp u.a. in Kooperation mit dem Mieterrat Chamissoplatz e.V. entwickelte „Alternativkonzept zur Marheineke-Markthalle” in Anlehnung an den BVV-Beschluss und die Ergebnisse der Kundenumfrage folgende wesentliche Punkte vor:
• Aufrechterhaltung der durchmischten Marktstruktur
• Erhalt der Markthalle mit Schwerpunkt Kiezversorgung
• keine Luxusmodernisierung der Halle
• Durchführung notwendiger Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen (Hallenklima/Belüftung, Lichtverhältnisse, technische Ausstattung)
• Sanierung der Halle in Teilschritten, damit Erhalt der Halle als Nahversorgungszentrum während der Baumaßnahmen
• Bestandsschutz für die derzeitigen Händler/-innen
• die Händler können an ihrem alten Standplatz in der Halle verbleiben oder einen neuen Standplatz in der Halle wählen
• Ausbau der Hallen-Kellerräume zu komfortablem Lagerraum für die Händler
• keine Tiefgarage
• kein Einbau einer Galerie (ohne Tiefgarage keine Notwendigkeit zur Schaffung einer Ersatzfläche auf einer anderen Hallenebene)
Bitte teilen Sie uns am Infostand sowie auch per E-mail (MieterladenCha@aol.com) und/oder Eintrag in das am Infostand ausliegende Buch für Kommentare mit,
• wie Sie das BGM-Konzept beurteilen und
• wie Sie das Alternativ-Konzept bewerten.
IHRE MEINUNG ZÄHLT!
Wir werden Ihre Meinung im Rahmen unserer Arbeit zur Bürgerbeteiligung in Sachen Marheineke-Markthalle am „Runden Tisch” im Rathaus Kreuzberg geltend machen.
