Tempelhofer Freiheit 15. Januar 2009
Grün vernichten, Luxus errichten!
Nach der Schließung herrscht weiter reges Treiben am Flughafen Tempelhof: Fünf neue Stadtquartiere sollen hier entstehen – selbstverständlich „hochwertiges Wohnen und Arbeiten”.
Denn in der Stadt Berlin stehen seit geraumer Zeit Mietpreise und Stadtplanung Kopf. Ob Bankenkrise oder Haushaltsnot – in Berlin wird gebaut. Seit Jahren können westdeutsche Großstädte in Berlin komplett einziehen – zahlreiche Wohnungen und Geschäftsräume stehen leer. Doch in Berlin wird gebaut.
Besonders beachtenswert ist das „Columbia-Quartier” – das soll sich nach Willen der Senatsverwaltung vom Columbiadamm an der Hasenheide entlang bis zum Südstern ziehen.
Das neu entstehende Quartier soll an die Innenstadt angebunden werden. Die großstädtische Bebauung beginnt am Südstern und führt bis zum Columbiadamm. Diese Schneise verläuft über die an der Lilienthalstr./Züllichauer Str. und Columbiadamm gelegene Kleingartenkolonie. Einige Entwürfen beziehen in die Zerstörung auch die bestehenden Sportanlagen mit ein.
Alle Ergebnisse der 1. Phase des städtebaulich-landschaftsplanerischen Ideenwettbewerbs werden nun öffentlich ausgestellt. Dort sind auch die weiteren Überlegungen zu bestaunen. So sind wegweisende Ideen zur Errichtung eines Rotlichtviertels, einer Eventmeile oder der Entstehung einer Stadt der Zukunft mit 2.000 Wohneinheiten und einer Geschossflächenzahl von über 5 zu sehen. Alle hält die Senatorin für möglich.
Feinstaub statt Kaltluftschneise
... Und das alles mitten in die Kaltluftschneise zwischen Flughafengelände und Hasenheide. Noch das Umweltamt des einstigen Senators Peter Strieder beschrieb die Kaltluftschneise und das unbebaute Wiesenmeer des Flughafens als „entscheidenden Kaltluftfaktor” der Stadt Berlin. So sahen die Pläne für die Nachnutzung des Flughafens auf diesem Areal eine riesige Grünfläche vor. Die Kühlschrankfunktion, so Strieder, habe Vorrang. Doch seine Nachfolgerin ist keine Umweltsenatorin mehr, sondern plant nur Stadt. Entsprechend hat sie von privaten Anbietern ein Gutachten vorlegen lassen, das eine Bebauung am Columbiadamm zulässt.
Denn die Kaltluftfunktion strahlt gemäß des neuen Gutachtens nur höchstens bis zur Bergmannstraße. Und so soll das zukünftige „Columbia-Quartier” die Bezirke verbinden. Die für die Klimafunktion notwendigen Grünflächen der Kleingärten wären versiegelt. Die Verbindung zwischen Tempelhof, Kreuzberg und Neukölln würde hergestellt mit noch mehr Abgasen, Verkehr, Lärm und Feinstaubbelastung.
Verdrängung durch „innovatives Wohnen”?
Solardächer, Produktion von Sonnenenergie und Ökohauptstadt waren noch im vergangenen Jahrhundert heiß diskutierte Schlagwörter in Berlin. Doch jetzt sind die dringend benötigten Arbeitsplätze in Berlin offenbar nur in der Filmindustrie, den Eventdienstleistungen und im „Rotlichtmilieu” geplant. Offenbar soll neben Kreuzberg auch Neukölln weiter aufgewertet werden. Aber in den beiden Bezirken verfügen noch immer viele Bewohner nur über ein Einkommen an der Armutsgrenze. Sie belegen die reizvollen Altbauten mit Gründerfassaden und wehren sich gegen jede Form der Aufwertung. Moderne Lofts und elegante Stadtvillen mit Anschluss an die Innenstadt sind dagegen besser zu verwerten. Davon können auch die Wohngebiete profitieren, die im Zuge der Bebauung des Tempelhofer Feldes als „Adresse für innovatives Wohnen” (Columbia-Quartier) oder als „Adresse für städtisches Wohnen am Park” (Neukölln) höher eingestuft werden.
Die neuen Investoren und Dienstleister werden jedoch der armen Wohnbevölkerung zu neuen Jobs verhelfen. Maskenbildner aus den zukünftigen Studios am Flughafen können durch geschickte Farbgebung auch die durchschnittlichsten Menschen ansprechend gestalten. So können dann die Anwohner „fit for the job” sowohl als Komparsen, Pförtner oder AnimateurInnen arbeiten. Die Berliner Innenstadt hat demnach an Profil gewonnen: nicht ökologisch, nicht sozial, nicht industriell innovativ oder in die Zukunft investierend aber:
arm, sexy und kreativ.
Die Entwürfe werden in einer Ausstellung vom 20.-22.1. von 10.00-18.00 Uhr im Hauptgebäude des Flughafens Tempelhof ausgestellt.
Am 22.1.2009 um 18.00 Uhr findet am selben Ort die Vorstellung und Diskussion der 12 übrig gebliebenen Wettbewerbsbeiträge (von 80) statt.
Es ist dringend notwendig, dass die Diskussion dazu von allen Berlinern – vor allem in den angrenzenden Vierteln – und nicht nur von der interessierten Fachöffentlichkeit geführt wird.
Außerdem Infos, Termine etc. auch unter www.tfa.blogsport.de
